
Veröffentlicht am 09.10.2026
von Thomas Hapala, geprüfter Lohnverrechner
Herbstlohnrunde 2026: Der Handel gibt den Ton an
Die Metaller sitzen heuer nicht am Verhandlungstisch
Seit Jahrzehnten eröffnet die Metalltechnische Industrie die Lohnrunde und liefert damit die Orientierungsgröße, an der sich nachfolgende Branchen mehr oder weniger deutlich anlehnen. Dieses Muster fällt 2026 aus: Im Vorjahr haben sich die Sozialpartner in der Metalltechnischen Industrie auf einen Zweijahresabschluss mit Laufzeit von November 2025 bis Oktober 2027 geeinigt.
| Wirksam ab | Ist-Löhne und -Gehälter | KV-Mindestentgelte |
|---|---|---|
| 1. November 2025 | +1,41 % | +2,00 % |
| 1. November 2026 | +1,90 % | +2,10 % |
Dazu kamen in der ersten Stufe +2 % bei den Lehrlingseinkommen samt 250 Euro Einmalzahlung sowie – je nach betrieblicher Entscheidung – zwei Freizeittage oder zweimal 500 Euro Prämie. Die zweite Stufe greift automatisch, ohne dass heuer verhandelt wird. Damit fehlt der Lohnrunde ihr traditioneller Auftakt und ein gutes Stück der medialen Aufmerksamkeit, die sonst in den ersten Oktoberwochen auf die Metallindustrie entfällt.
Der Handel wird zur Leitbranche
An die Stelle der Metaller tritt heuer der Handel. Die Verhandlungen für die Handelsangestellten starten am 22. Oktober 2026 und betreffen rund 420.000 Beschäftigte – gemessen an der Zahl der Betroffenen ohnehin jedes Jahr eine der größten Lohnrunden des Landes. Auf Gewerkschaftsseite verhandelt die GPA erstmals unter einer neuen Chefverhandlerin, Linda Keizer, die Mario Ferrari nachfolgt.
Schon ein paar Tage davor, am 19. Oktober, beginnt die IT-Branche mit rund 90.000 Beschäftigten. Dazu kommen im Lauf des Herbstes unter anderem die Eisenbahn und die Brauindustrie. Ein Abschluss im Handel wird aber, mangels Metaller-Runde, mit hoher Wahrscheinlichkeit die Rolle des Referenzwerts übernehmen, an dem sich spätere Branchen messen lassen. Das ist eine Einschätzung, keine Gesetzmäßigkeit – die Signalwirkung einzelner Abschlüsse ist in den letzten Jahren spürbar schwächer geworden.
Die Ausgangslage: Inflation wieder über drei Prozent
Verhandelt wird in Österreich traditionell auf Basis der rollierenden Inflation, also der durchschnittlichen Teuerung der vergangenen zwölf Monate. Diese liegt aktuell bei rund 3 %. Die monatlichen Werte zeigen zuletzt wieder nach oben: August 2026 brachte 3,2 % nach 2,8 % im Juli. Der für die Handelsrunde maßgebliche Zwölfmonatsschnitt steht erst Mitte Oktober endgültig fest; die genannten rund 3 % sind daher eine Annäherung, kein fixer Ausgangswert.
Dämpfend wirkt seit 1. Juli 2026 die Senkung der Umsatzsteuer auf ausgewählte Grundnahrungsmittel von 10 % auf 4,9 %. Wie stark dieser Effekt tatsächlich in der Teuerungsrate und in den Geldbörsen ankommt, lässt sich derzeit nicht seriös beziffern – dass er in den Verhandlungen als Argument vorkommen wird, ist dagegen ziemlich sicher.
Warum die Verhandlungen härter geworden sind
Der Eindruck, dass die Lohnrunden in den letzten Jahren zäher geworden sind, täuscht nicht. Er hat einen nachvollziehbaren Grund: Beide Seiten haben gleichzeitig ein reales Problem.
Auf Unternehmensseite ist der Kostendruck hoch. Nach mehreren Jahren mit kräftigen Abschlüssen sind die Personalkosten strukturell gestiegen, während die Nachfrage in vielen Branchen bestenfalls verhalten ist. Im Handel standen zuletzt uneinheitliche Umsatzdaten zu Buche. Dazu kommen Energie-, Miet- und Finanzierungskosten, die sich nicht ohne Weiteres weiterreichen lassen.
Auf Arbeitnehmerseite steht dem ein realer Kaufkraftverlust gegenüber. Die Abschlüsse der letzten Runden sind mehrfach unter der Inflation geblieben: Im Handel gab es 2025 ein Plus von 3,3 % bei einer Inflation von 3,8 %, für 2026 dann 2,55 % ab 1. Jänner – bei einer Teuerung, die sich seither wieder der Drei-Prozent-Marke genähert hat. Wer über mehrere Jahre hinweg unter der Inflation abschließt, verliert real Einkommen, und das merken die Beschäftigten.
Wie eng der Spielraum geworden ist, zeigt ein Detail aus dem Vorjahr: Der davor im Handel vereinbarte Zweijahresabschluss enthielt eine gestaffelte Inflationsklausel – bis 2,3 % rollierender Inflation ein Plus von 0,5 Prozentpunkten darüber, mit sinkendem Aufschlag bis zur Schwelle von 3 %. Ab 3 % musste neu verhandelt werden. Genau dieser Fall ist eingetreten, der Abschluss wurde aufgeschnürt und in einer eigenen Runde neu verhandelt. Ein Mechanismus, der Planbarkeit schaffen sollte, hat am Ende zusätzliche Verhandlungen ausgelöst.
Wir rechnen daher auch heuer mit harten Verhandlungen und mehreren Runden, vermutlich bis weit in den November hinein. Ob es zu Kampfmaßnahmen kommt, lässt sich seriös nicht vorhersagen.
Was das für Ihre Personalverrechnung bedeutet
Aus Sicht der Abrechnung ist weniger die Prozentzahl das Thema als die Umsetzung. Drei Punkte, die erfahrungsgemäß Arbeit machen:
- Späte Abschlüsse. Wird erst Ende November oder im Dezember abgeschlossen, bleibt wenig Zeit bis zur Jänner-Abrechnung. Bei Branchen mit unterjährigem Stichtag – die Metaller rechnen zum 1. November ab, der Handel zum 1. Jänner – kommt bei verspäteten Abschlüssen zusätzlich eine Nachverrechnung dazu.
- Unterschiedliche Erhöhungssystematiken. Die Unterscheidung zwischen kollektivvertraglichen Mindestentgelten und Ist-Löhnen, unterschiedliche Prozentsätze für beide, Mindestbeträge, Deckelungen, abweichende Regelungen für Lehrlinge: Das alles muss je Kollektivvertrag korrekt hinterlegt werden.
- Einmalzahlungen und Wahlmöglichkeiten. Prämien statt laufender Erhöhung, Freizeitoptionen, betriebliche Wahlrechte wie im aktuellen Metaller-Abschluss – jede dieser Varianten ist abrechnungstechnisch ein eigener Fall.
Wenn Sie Mitarbeiter in mehreren Branchen beschäftigen, kommt das alles parallel und in unterschiedlichen Systematiken auf Sie zu.
Ein Wunsch zum Schluss: einheitlichere Kollektivverträge
Wenn wir uns bei den Kollektivverträgen etwas wünschen dürften, dann nicht eine bestimmte Prozentzahl, sondern mehr Einheitlichkeit. Österreich hat mehrere hundert Kollektivverträge, die sich nicht nur in der Höhe unterscheiden, sondern in Stichtagen, Einstufungssystemen, Zulagenlogik, Vorrückungen und Begrifflichkeiten. Für Betriebe mit Mitarbeitern in mehreren Branchen bedeutet das Vielfachaufwand bei jedem Jahreswechsel, und für Beschäftigte ist kaum nachvollziehbar, warum vergleichbare Tätigkeiten je nach zuständiger Fachgruppe unterschiedlich eingestuft werden.
Einheitlichere Strukturen – gleiche Stichtage, vergleichbare Einstufungssysteme, eine einheitliche Terminologie – würden an der Verteilungsfrage nichts ändern, aber die Umsetzung für alle Beteiligten erheblich vereinfachen. Realistisch ist das kurzfristig nicht. Wünschen darf man es sich trotzdem.
Fazit
- Die Metalltechnische Industrie verhandelt heuer nicht; die zweite Stufe ihres Zweijahresabschlusses greift automatisch ab 1. November 2026.
- Der Handel startet am 22. Oktober mit rund 420.000 Beschäftigten und übernimmt damit voraussichtlich die Leitfunktion.
- Ausgangsbasis ist eine rollierende Inflation von rund 3 %; der endgültige Wert steht Mitte Oktober fest.
- Kostendruck auf Unternehmensseite und realer Kaufkraftverlust auf Arbeitnehmerseite machen zähe Verhandlungen wahrscheinlich.
- Für die Abrechnung sind weniger die Prozentsätze das Thema als späte Abschlüsse, unterschiedliche Systematiken und Einmalzahlungen.
Die neuen KV-Werte hinterlegen wir laufend in Lohnbot, sobald die Abschlüsse vorliegen. Ihre Abrechnungen rechnen damit ab dem jeweiligen Stichtag automatisch mit den richtigen Beträgen, inklusive Nachverrechnung bei späten Abschlüssen.
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